• Zielgruppen
  • Suche
 

Heike Schäfer (Konstanz)

Short Bio

Heike Schäfer ist Professorin für Literatur- und Kulturwissenschaft Nordamerikas an der Universität Konstanz. Ihre Forschung befasst sich mit der Frage, wie die Verschränkung unterschiedlicher Medien-, Wissens- und Differenzdiskurse literarische und (trans)kulturelle Praktiken prägt. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen intermediale Bezüge zwischen literarischen, visuellen und digitalen Kulturen und die Schnittstelle zwischen Literatur und anderen Wissensdiskursen (insb. Naturwissenschaft und Philosophie). Ihre Schriften umfassen Mary Austin's Regionalism: Reflections on Gender, Genre, and Geography (University of Virginia Press, 2004) und In Search of Immediacy: The Response of U.S. American Literature to the Emergence of Photography, Film, and Television, 1839-1993 (im Erscheinen). 

Abstract: "Wie erzählt man vom Augenblick? Präsenzeffekte, Serialität und 'Zeit-Wissen' in Gertrude Steins literarischen Kurzportraits" 

In ihren frühen literarischen Portraits bricht Gertrude Stein mit den Konventionen realistischen Erzählens und entwickelt ein neues Darstellungsverfahren der seriellen Variation, um ein gewisses Zeit-Wissen ("time knowledge"), nämlich ein Bewusstsein der flüchtigen Präsenz des unmittelbaren Augenblicks, zu vermitteln. Sie stellt den Lebensprozess als Abfolge von ineinandergreifenden Momenten dar, um den gegenwärtigen Augenblick, der sich unserer bewussten Wahrnehmung ja gemeinhin entzieht, im Leseprozess erfahrbar zu machen. Die kleine Form des Kurzportraits und das vom Film inspirierte Verfahren des seriellen Wiederholens und Variierens ermöglichen Stein, die Bedeutungserzeugung weitgehend von der referentiellen auf die strukturelle Ebene zu verschieben. Denn Steins nicht-mimetische Texte erzeugen Präsenzeffekte nicht durch die auf Transparenz zielenden Konventionen des realistischen Erzählens, sondern durch die Fokussierung auf literarische Vermittlungsprozesse: sie sperren sich einem herkömmlichen inhaltlichen Lesen und erfordern eine bewusste Auseinandersetzung mit der medialen Verfasstheit der Texte. Dieser Vortrag zeigt auf, wie es Steins Kurzportraits gelingt sowohl die Gegenwärtigkeit als auch die Prozesshaftigkeit von Erfahrung, Identität und Wissen zu evozieren, indem sie die Aufmerksamkeit der Leser beständig auf die sprachliche Bewegung des Textes lenken und so die zeitliche Entfaltung des Textes, sein sequentielles Fortschreiten von Wort zu Wort, Satz zu Satz und von Moment zu Moment, zum eigentlichen Gegenstand der Lektüre zu machen.