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Patricia Gwozdz (Potsdam)

Short Bio

Patricia A. Gwozdz (*1985, Pyskowice/Polen) studierte von 2005 bis 2010 in den Fächern Germanistik/Komparatistik, Psychologie und Philosophie an der Universität Münster und schloss ihr Magisterstudium mit einer komparatistischen Arbeit über Walter Benjamin und Jorge Luis Borges ab, die unter dem Titel "Topographien des Verschwindens" (2011) in München erschienen ist. Im April 2011 nahm sie ihr Promotionsstudium an der Universität Potsdam im Fach Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft am Institut für Romanistik bei Prof. Dr. Ottmar Ette auf und übernahm zeitgleich eine Kurzvertretung als Wissenschaftliche Mitarbeiterin. Im November 2011 wurde sie als Stipendiatin in das DFG-Graduiertenkolleg "Lebensformen+Lebenswissen" aufgenommen. In diesem Rahmen schloss sie ihre Promotion mit dem Titel "Homo academicus goes Pop. Geschichte, Struktur und Kritik populärwissenschaftlicher Subgelder akademischer Wissensproduktion" im Februar 2015 mit dem Prädikat "summa cum laude" ab. Seit 02/2015 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanistik der Universität Potsdam mit Schwerpunkt der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft.

Abstract: "Aphorismus, Denkbild, minificción. Von der Kunst zu dichten, ohne zu richten" 

Friedrich Schlegel hat das Fragment zu einer wissenspoetologischen Form erhoben, indem er Dichtung und Wissenschaft, Philologie und Literatur zusammengeführt hat. Systematisch zu denken, ohne in Systemen zu denken, war die ironische Wende seines romantischen Programms. Die Verständlichkeit fiel diesem Programm zum Opfer. Das "Zeitalter der Kritik" bzw. die "Kritiker" (allen voran Kant und Hegel) hatten sich erst noch an den Fragmenten des Athenaeums zu beweisen. Hier standen zwei Textformen in einem konkurrierenden Verhältnis zueinander: die Länge des philosophischen Traktats gegen die Kürze des literarischen Aphorismus. Aus dieser gattungstheoretischen Konkurrenz entsteht ein epistemologischer Chiasmus aus einer Philosophie, die dichtet, und einer Dichtung, die philosophiert. Friedrich Nietzsche sah seine philosophische Aufgabe eines Klassischen Philologen darin, das romantische Erbe dieser konkurrierenden Schreibstile fortzuführen, indem er sie vereinte. In seiner Fröhlichen Wissenschaft offenbart sich daher nicht sein romantisches Epigonentum, sondern ein Katalog von kürzest Formen, der sowohl linear-chronologisch als auch hypertextuell gelesen werden kann. Von den Sprüchen und Pfeilen bis zu Aphorismen, Anekdoten, Legenden und Essays - der post-romantische Katalog inszeniert ein fröhliches Spiel mit Formen, ohne dabei die ernsthafte philosophische Intention, das epistemologische Moment des literarischen Spiels, zu verspielen, denn die Kürze forciert einen Bruch mit dem hermeneutischen Zirkel, dessen teleologische Vorbestimmung abbricht, um auf neuen Umwegen und Rückwegen zu neuen Gedanken zu gelangen. Walter Benjamin wiederum ist der Dritte im Bunde, für den System und Fragment nicht zwei unterschiedliche Formen zweier unterschiedlicher Wissenschaften ist, sondern ein und dasselbe Textverfahren zweier vergleichbarer Wissensparadigmen, die sich nur in einem Punkt unterscheiden: das System ist dazu da, die Autorität/Autorschaft des sprechenden Subjekts zu legitimieren, seine Länge ist Instrument der Verhüllung dieser Legitimation; das Fragment ist dazu da, diese Legitimationsstrategie zu entlarven, indem es durch seine Kürze auf das Wesen jeglichen Sprechens hinweist: die Sentenz, der Urteilsspruch. Das Fragment ist dem System inhärent, daher ist es am besten dazu geeignet, es von innen heraus zu zersetzen. Sowohl bei Nietzsches Aphorismus-Katalogen als auch bei Benjamins Denkbild-Konstellationen steht das Fragment nicht als Isoliertes der Omnipotenz des Systems gegenüber. Aphorismen und Denkbilder sind Gesten des omnipotenten Kritikers, dessen kritisches Urteilsvermögen als Urteilsgewalt entblösst wird. Die isolierte, kurze Sentenz schafft die Selbstlegitimation des Systems, die autoritäre Sprechgewalt, nicht ab, indem sie das Gegenteil praktiziert, sondern indem sie die Geste des Richters potenziert. Im 20. Jahrhundert bildet sich auch in den romanischen Literaturen und Philologien das Genre der "minificción" heraus. Jorge Luis Borges ist vielleicht einer der international bekanntesten Repräsentanten dieser literarisch-epistemologischen Form, die das philologische Schreiben seiner Zeit herausgefordert hat. Pierre Menard, Autor del Quijote ist zwar so etwas wie eine literarische Mikroerzählung, die jedoch einen der meist diskutierten, literaturwissenschaftlich betrachtet ertragreichsten Begriff überhaupt geschaffen hat: den Begriff der Intertextualität. Indem Borges den Gestus des Philologen, des kritischen Kommentators, mit demjenigen des fingierenden Schriftstellers vermengt, werden beide Schreibweisen ununterscheidbar. Die Dogmen des nationalen Kanons erstellt von philologischen Priestern, Wächtern kanonischen Wissens, werden durch Nacherzählungen, Briefen, Gesprächen, apokryphen Quellen in der Kürze eines kommentierenden Essays destruiert. Auch hier macht sich die Omnipotenz des Kritikers bemerkbar, indem er sich in Nicht-Wissen hüllt. Der Verweis auf die Lücken des Archivs offenbart die Fiktivität kanonischen Wissens einer Wissenschaft, die sich durch die Liebe zum Wort zur philologischen Avantgarde (die Postmodernen) empor schrieb. Borges zeigt, wie in der Geschichte der Philologie Literaturtheorie als Anomalie der historischen Wissenschaft emergiert, denn der Akt des Theorisierens entsteht immer auf der Basis einer Spekulation, die sich mit Elementen des Fiktionalen paart, um eine erklärende Welt zu schaffen, die uns einsichtig macht, was Literatur ist, wie sie funktioniert, und warum sie entstanden ist. Bei Borges verkehren sich literarische Fiktionen zu Fiktionen des Literarischen. Die Kürze seiner Ausführungen verweist daher nicht so sehr auf die Omnipotenz des Kritikers, sondern auf die Ohnmacht seiner kritischen Quellen. Der Bibliothekar steht dem Archiv machtlos gegenüber. Seine einzige Macht besteht darin, dort zu spekulieren, wo er Lücken findet, und dort zu fingieren, wo er diese Lücken schließen will, um ein kohärentes, erklärendes System seines Archivs zu generieren. Er richtet, indem er dichtet. Die Kürze ist hingegen das Anzeichen für potentielle, virtuell vorhandene Wege, die die fingierende Spekulation niemals gehen wird, weil sie sich für einen Weg entscheiden musste. Dementsprechend ist Kürze kein Genremerkmal, sondern selbst Zeichen, das bedeutet, indem es auf Nicht-Wissen hinweist, was das Noch-nicht-Gewußte oder Potentiell-Wissbare meint. Kurze Textgenres besitzen ein implizites Wissen, das vorausgesetzt, aber nicht gesagt wird. Daher besteht ihre narrative Notwendigkeit darin, die Aufmerksamkeit des Lesers darauf zu lenken, was nicht gesagt wird. Am Ende eines kohärenten, alleserklärenden philosophisch-philologischen Systems muss die Frage, und nicht die Antwort stehen. Die Kürze gibt die Probe darauf.