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Michael Homberg (Köln)

Short Bio

Michael Homberg ist Promotionsstipendiat der a.r.t.e.s Graduate School for the Humanities an der Universität zu Köln. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Theorie und Geschichte der Globalisierung, die Genese der Kleinen Form der Nachrichtenliteratur sowie die Theorie literarischer Unterhaltung. Seine im April 2015 eingereichte Dissertationsschrift trägt den Titel Reporter-Streifzüge. Metropolitane Nachrichtenkultur und die Wahrnehmung der Welt, 1870-1918

Abstract: "Augenblicksbilder: Kleist, Fénélon, Kluge. 'Vermischte Nachrichten' und die Tradition der faits divers"

Kurznachrichten. Der Vortrag wird sich der Persistenz und Verwandlung der Kleinen Form(en) der Nachrichtenliteratur im Zuge des 20. Jahrhunderts widmen. Die zwischen Fakten und Fiktion oszillierenden, die Gattungsgrenzen konstitutiv überschreitenden Miniaturen haben ihren Ursprung im Sensationalismus der Newen Zeytungen des 17. Jahrhunderts; als Kurzmitteilungen verantworten sie alsdann im 20. Jahrhundert ein Erzählen von News/Neuigkeiten im Geiste des modernen Journalismus. In der Montage sich pausenlos überlagernder, extrem verdichteter Meldungen - der großen Haupt- und Staatsaktionen einerseits sowie der kleinen anekdotischen (Fall-)Geschichten und human-interest-stories andererseits - sind die kurzen "vermischten" Nachrichten der Tages- und Wochenzeitungen, die faits divers, dazu geeignet, das Authentizitätsparadigma eines sich wandelnden literarischen Dokumentarismus ins Werk zu setzen. Um dieses Paradigma zu historisieren, soll in einer ersten Annäherung ein kurzer Blick auf die Gründungsakte der modernen Tradition der faits divers im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts geworfen werden, bevor dann dessen postmoderne Adaption am Beispiel von Alexander Kluges Werk im Fokus stehen soll. 

Als Beleg der wechselseitigen Annäherung von Literatur und Journalismus im Feld der Nachrichtenliteratur können Felix Fénéons 1905/06 in der Pariser Tageszeitung Le Matin publizierten (aus Agenturmeldungen gespeisten) Nouvelles en trois lignes gesehen werden, die in ihrer extremen Kürze vor allem die Leerstellen medialer Begründungslogiken in Szene setzen und - aller vorgeblichen Akkuratesse zum Trotz - gerade die "coincidence ordonée" bzw. "causalité aleatoire" (R. Barthes) des Berichteten indizieren. Fénéons literarischer Journalismus, der sich so als Irritation des Nachrichten-Journalismus erweist, persiflierte das Ethos des professionellen Journalisten und reagierte zugleich auf die Herausforderungen einer Formation globaler Öffentlichkeiten sowie sekundenschnell verschalteter Nachrichtenmärkte im Telegraphenzeitalter. Kluges - über 80 Jahre später veröffentlichten - Augenblicksbilder erweisen sich in gewisser Weise als Reprise dieser Chroniken des modernen Lebens im Zeichen der Massenmedien. Am Beispiel seines Essayfilms Vermischte Nachrichten soll das epistemologische Potential der Mikroerzählungen in ihrer Zitate- und Bruchstückästhetik nachvollzogen werden, der stets die Qualitäten dokumentarischer Geschichtsdarstellung zuzukommen scheinen.