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Maren Jäger (Duisburg-Essen)

Short Bio

2006 Promotion mit einer Arbeit über Die Joyce-Rezeption in der deutschsprachigen Erzählliteratur nach 1945. 2002-2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft am Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin für Literatur des 18.-21. Jahrhunderts und Medienkulturwissenschaft am Institut für Germanistik der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Kürze/kurze Formen (Arbeitstitel des Habilitationsprojekts: "Brevitas - Eine kurze Geschichte der Kürze"), Rhetorik und Poetik, Avantgarde und 'klassische Moderne', Lyriktheorie, Lyrik des 21. Jahrhunderts. 

Abstract: "'quidquid praecipies, esto brevis'. Wechselwirkungen von Erzählen und Wissen in literarischen Kleinformaten der Frühen Neuzeit" 

Mit dem Beginn der Moderne, spätestens seit Erscheinen des Telegramms sowie des gleichnamigen Stils, und mit der jüngsten Medienentwicklung umso eklatanter, ist Kürze zu dem kommunikativen Imperativ geworden. Kurze Botschaften und literarische Formen erscheinen im information overload der 'beschleunigten Gesellschaft' (Rosa) besonders konkurrenzfähig. 

Der Kürze-Diskurs selbst ist freilich keineswegs neu, sondern reicht zurück bis in die antike Rhetorik, wo brevitas unter den virtutes narrationis erstmals systematisch verhandelt, in der quantitative und qualitative Elemente der Kürze seit jeher expliziert, auf unterschiedliche Art miteinander ins Verhältnis gesetzt und wirkungsästhetisch funktionalisiert wurden - und die in der rhetorisch grundierten Gattungspoetik der Frühen Neuzeit fortwirkt. 

Bevor sich um 1800 mit der Fragmentpoetik der Romantiker eine folgenschwere Aufwertung des Kleinen, Vorläufigen, Unabgeschlossenen vollzog und sich die knappen Formen zunehmend von (außerliterarischen) Funktionalisierungen und (außerästhetischen) Normen- und Wertsystemen befreiten - und sie schließlich unter den Medienumbrüchen der Moderne und den technisch-ökonomischen Transformationen im 20./21. Jahrhundert als explorative und intensive (Stör-)Einheiten von den Rändern ins Zentrum ästhetischer Innovation avancierten, galten sie als minderwertig, marginal, ephemer. Daher bedurften bis 1800 (und teilweise weit darüber hinaus) einer Legitimation a) als 'Module'/Funktionselemente/Versatzstücke von etwas Langem, Großem oder b) 'außerliterarisch', etwa als moraldidaktisch funktionalisierte Unterrichtseinheiten (gemäß der Horazischen Maxime "quidquid praecipies, esto brevis") - oder sie liefen (als 'Zeitverkürzer', 'Wegkürzer' o.ä.) gleichsam unter dem Radar der 'hohen' Gattungspoetik. 

Mit Apophthegma, Schwank und Fabel sollen exemplarisch drei knappe Formen aus dem Gattungsspektrum der Frühen Neuzeit herausgegriffen werden, um - anhand von (aus heutiger Sicht) 'alteritär' anmutenden brevitas-Auffassungen sowie Wechselwirkungen von Erzählen und Wissen (unter Berücksichtigung der Konstellation bzw. Assemblisierung kurzer und knapper Formen in Sammlungen) - Varianten und Invarianten unterschiedlichster Kürzebegriffe und -formate präzise in den Blick nehmen zu können.