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Alexander Starre (Berlin)

Short Bio

Alexander Starre ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin. Seine Forschungsgebiete sind amerikanische Kulturgeschichte, Praktiken der Wissensproduktion, Literatur- und Medientheorie, sowie neuere Buchgeschichte. Im Sommer 2015 erscheint seine Monographie Metamedia: American Book Fictions and Literary Print Culture after Digitalization (University of Iowa Press). Für sein Habilitationsprojekt "Knowledge Cultures: Shapes, Styles, and Traces of Intellect in Professionalized America, 1878-1929" arbeitet er derzeit an Einzelstudien zu Andrew Carnegies Bibliotheksprogramm und zum Wissensbegriff im Werk der Autorin Willa Cather. 

Abstract: "Professionelle Kondensierung. Annotiertes und evaluiertes Wissen im Catalog der American Library Association (1893-1904)"

Die Chicagoer Weltausstellung im Jahr 1893 gilt als kulturhistorischer Kristallisationspunkt der aufstrebenden, zunehmend industrialisierten amerikanischen Gesellschaft nach dem Bürgerkrieg. Neben der vieldiskutierten Kombination aus neoklassizistischer Architektur und technologischer Innovation zeigte die World's Columbian Exposition auch die Neuausrichtung und die zunehmende Professionalisierung der Wissensorganisation in den USA. Der 1876 gegründete Bibliotheksverband American Library Association (ALA) errichtete auf dem Messegelände eine Modell-Bibliothek mit 5.000 Bänden, die einen empfohlenen Grundbestand für öffentliche Bibliotheken bilden sollte. Die ALA publizierte im Anschluss einen Katalog der gesammelten Bücher und erweiterte diesen in mehreren Auflagen bis 1926 auf einen Fundus von 10.000 Titeln. Während die erste Ausgabe noch aus unkommentierten Listen bestand, annotierten Experten und freiwillige Helfer in der Folge sämtliche Einträge. In der kurzen Form der Annotation - der prägnanten Zusammenfassung wichtiger inhaltlicher und formaler Aspekte der einzelnen Titel - offenbaren sich die neu entstehenden Routinen von Wissensmanagement und die normativen Wertungspraktiken innerhalb einer Institution, die eine Vermittlerrolle zwischen Wissenschafts- und Kunstsystem und dem individuellen Alltagsleben einer breiten Öffentlichkeit einnahm. Dieser Vortrag analysiert die thematisch-rhetorischen Muster der Annotationen und rekonstruiert die implizite Wissenstheorie dieses Formats. Die Praxis kurzer, wertender Zusammenfassung etablierte sich im amerikanischen Bibliothekswesen als genuin moderne Form des professionellen Lesens und Schreibens. Der ALA Catalog lässt sich auf dieser Grundlage als zentraler Knotenpunkt in einem nationalen Netzwerk der organisierten und disziplinierten Wissensverbreitung beschreiben.