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Heiko Stoff (Hannover)

Short Bio

Heiko Stoff ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Medizinischen Hochschule Hannover. Sein Forschungsschwerpunkt ist eine interdisziplinäre Medizin- und Wissenschaftsgeschichte. Gerne befasst er sich mit der Genealogie von Konzepten wie Alter, Glück, Jugend, Leistung, Sex oder Stress. Zu seinen Publikationen gehören Ewige Jugend (Böhlau, 2004), Wirkstoffe (Steiner 2012) und Gift in der Nahrung (Steiner 2015) sowie der mit Alexander von Schwerin und Bettina Wahrig herausgegebene Sammelband Biologics (Pickering & Chatto, 2013). 

Abstract: "'I dub thee vampiris'. Zur kurzen Form des wissenschaftlichen Exkurses in Horrorliteratur und -filmen der 1950er und 60er Jahre" 

Das Horrorgenre, wenn auch nicht im gleichen Umfang wie die Science Fiction, benötigt wissenschaftliche Erklärungen. Dies gilt auf notorische Weise für die Kurzgeschichten, Romane und Filme der 1950er und 60er Jahre und ist in Bezug auf die zeitgenössischen Motive der Strahlen, Viren, Bakterien, Transplantationen und Experimente verrückter Wissenschaftler schon sehr gut erforscht. Allerdings ist der wissenschaftliche Exkurs selbst dabei nicht analytisch erfasst worden. Er zeichnet sich mit wenigen Ausnahmen durch seine Kürze aus, katalysiert häufig eine dann an ganz anderen Themen interessierte Erzählung, trägt aber auch, einmal in der Form eines Abstract eingeführt, die Story selbst. Die wissenschaftliche Erklärung ist ein Text im Text. Wissenschaftler erläutern in knappen und belehrenden Worten erstaunliche Spekulationen, die unbedingt experimentell bewiesen werden müssen (etwa die Existenz eines durch Todesangst im Körper entfesselten Wesens in "The Tingler"). Theorien werden medial verbreitet und zugespitzt wie die im Hintergrund ablaufenden Radio- und Fernsehberichte in George A. Romeros "Night of the Living Dead". In Richard Mathesons "I Legend" steht die Suche nach einer rationalen, nämlich mikrobiologischen Erklärung für den Vampirismus, die nahezu in der Form eines pointierten Forschungsberichts dargestellt wird, leitmotivisch im Mittelpunkt, während in seinem anderen großen und erfolgreich verfilmten Roman "The Shrinking Man" das durch eine Kombination von Insektiziden und Strahlen induzierte Schrumpfen des Helden auf zwei Seiten erklärt, aber nie wieder aufgegriffen wird. Hier ist es der Verlust an Männlichkeit, der von viel größerem Interesse zu sein scheint. 

In diesem Beitrag soll die Funktion des wissenschaftlichen Exkurses für die spezifischen literarischen und filmischen Erzählweisen herausgearbeitet werden. Die Wissenschaftserzählung basiert auf einer knappen, einer Ökonomie der Aufmerksamkeit unterworfenen, zumeist spekulativen, aber an das zeitgenössische Wissen angeschlossenen Erklärung. Der wissenschaftliche Exkurs in Horrorliteratur und -film ist ein Pastiche der Wissenschaftlichkeit, dabei durchaus mit profundem Wissen angereichert (so bei Matheson), und offenbart zugleich die Mitte des 20. Jahrhunderts selbstverständliche Nähe von Horror und Wissenschaft.