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Bettina Wahrig (Braunschweig)

Short Bio

Bettina Wahrig ist Professorin für Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte an der Technischen Universität Braunschweig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Experimentalgeschichte der Physiologie im 19. Jahrhundert, Metapherngeschichte, das Verhältnis von Wissen und Geschlecht in den Wissenschaften und in den Gesundheitsberufen sowie die Geschichte prekärer Stoffe, besonders der Gifte. Ihre Publikationen umfassen die Aufsätze "'Fabelhafte Dinge': Arzneimittelnarrative zu Coca und Cocain im 19. Jahrhundert" (Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 32 [2009]) und "Einige Bemerkungen zur Wissensgeschichte der Materien" (NTM 21:3 [2013]) sowie die Mitherausgabe Biologics, a History of Agents made in the Twentieth Century (2013). 

Abstract: "Poisoned partridges. Kurznachrichten in wissenschaftlichen Zeitschriften, 1850-1930"

Kurznachrichten sind in wissenschaftlichen Zeitschriften bis heute üblich. In den medizinischen und pharmazeutischen Fachorganen des 18. Jahrhunderts firmierten sie häufig zunächst unter Rubriken wie "Anekdoten" oder "Vermischtes". Sie hatten z.T. Unterhaltungs- und Belehrungswert, z.T. übermittelten sie aber auch wichtige Informationen in Kurzformen. Auch Briefe an den Herausgeber waren hier zu finden, wenn sie nicht eine eigene Rubrik besaßen. 

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts betrieben manche Herausgeber ein explizites Referatsorgan. Hier überwogen Wiederabdrucke und Kurzreferate aus anderen Zeitschriften sowie kurze Meldungen. Die Meldungen fanden zahlreiche Resonanzen. So publizierte das "Journal de médecine, de chirurgie et de pharmacologie, publié par la Société Royale des sciences médicales et naturelles des Bruxelles" neben Originalarbeiten auch Berichte über die Sitzungen von Akademien (u.a. der eigenen "Société Royale...") und Korrespondenzen oder kurze Zusammenfassungen von Berichten aus anderen Zeitschriften, systematisch betriebene Korrespondenzen ermöglichten Resonanzen in Kommunikationsnetzen von Zeitschriften durch mannigfaltige Wiederholungen und durch - teils vielfache - Übersetzungen. 

Kurznachrichten - so die These - erweitern den Möglichkeitsraum des wissenschaftlich sicher Gewussten, sie greifen gleichzeitig weiter in die Geschichte zurück und stärker über die Gegenwart hinaus als ausgearbeitete wissenschaftliche Artikel. Sie greifen auf eine andere Ökonomie der Aufmerksamkeit zurück als diese und gewinnen erst dann an Gewicht, wenn sie in Massen auftreten, d.h. wenn sie reproduziert und/oder übersetzt werden. Aber ihr Auftreten in Gesellschaft anderer Kurznachrichten dürfte ihr Gewicht verstärken (was zu untersuchen wäre). 

Die narrative Rahmung von wissenschaftlichen Kurznachrichten ist eine andere als diejenige von Originalarbeiten. Während diese für sich allein stehen, allerdings im 19. Jahrhundert typischerweise eine Einleitung haben, in der die Bedeutung des Gegenstandes durchaus auch mit Argumenten aus der gegenwärtigen oder vergangenen Kultur herausgestellt wird, greifen Kurznachrichten regelmäßig auf Rahmen anderer Diskurse zurück, die sie aber häufig nicht explizit machen. So meldet das erwähnte "Journal de médecine..." "pedrix empoisonnés" (vergiftete Rebhühner) fast wie eine Sensation, indem es den analogen Titel aus dem Dublin Quarterly übernimmt. Dahinter verbirgt sich ein längerer Leserbrief (Letter to the Editor) im englischen Lancet, der ursprünglich eine nichtssagenden Überschrift trug. Erst in Form "vergifteter Rebhühner" lernt das Thema, das sich hinter der Meldung verbirgt, das Fliegen und erzeugt eine öffentliche Debatte. Als Kurznachricht gewinnt der Inhalt Freiheitsgrade der Darstellung; diese gewinnt an Authentizität und Aktualität, die beide wieder an die Vorstellung einer direkten Mitteilung des Autors geknüpft sind. 

Die grundsätzliche These ist, dass sich Möglichkeitsräume des wissenschaftlichen Erzählens öffnen, indem die Form der Kurznachricht das Unfertige, aber auch das Neuartige und das besonders Bedeutsame betont. Kurznachrichten enthalten sich bewusst der Aura des Kanons und gewinnen gerade dadurch eine Aura der Authentizität, der Erzwählbarkeit. Sie versprechen einen Fußsteig ins Moor des Noch-Nicht-Gewussten. Die größere Unsicherheit der Wissensinhalte wird dabei kompensiert durch Werte wie Aktualität und Authentizität sowie durch die implizite Bezugnahme auf einen eher am Induktiven orientierten wissenschaftlichen Habitus.